18.05.2017

In Québec scheint aktuell die kanadische Variante von Aprilwetter zu herrschen. Nachdem ich am Dienstag bei strahlendem Sonnenschein und ca. 21 Grad durch die Straßen flaniert bin, war es ja gestern eher wechselhaft mit ein paar Regentropfen. Als ich gestern die Wettervorhersage für heute gecheckt habe, hieß es Regen und Gewitter ab 11:00 Uhr. Damit wären meine Ausflugspläne von vorne herein gestorben gewesen. Ein Blick aus dem Fenster am Morgen hat mich veranlasst, die Vorhersage erneut zu prüfen. Jetzt hieß es: Regen und Gewitter ab 15:00 Uhr. Damit kann man arbeiten. Wenn man Pech hat, setzt der Regen früher ein, dann verkürzt man den Ausflug, wenn man Glück hat, setzt er später ein, dann kann man den Ausflug entsprechend ausdehnen. Zusätzlich waren trotz Regen und Gewitter 28 Grad angekündigt. Dass könnte unangenehm schwül werden … aber sei es drum, wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Auf geht es!

Beim Studium meines Reiseführers bin ich über Wendake gestolpert. Es ist das einzige noch existierende Huronen-Dorf in ganz Kanada. Dort kann man Einblick in das Leben der Huronen vor und während der Einwanderung der Europäer erlangen. Im Reiseführer klang es ein bißchen nach Freizeitpark mit etwas bunt kitschigen Schaustellern. Aber ich habe schon vorlängerem festgestellt, dass sowas ganz witzig sein kann, wenn man mit der richtigen Einstellung daran geht. In der Touristeninformation habe ich mich also genau erkundigt, wie man da hin kommt. Klang eigentlich recht einfach:

Ab der Busstation (hat man mit auf einer Karte eingezeichnet) die Linie 801 in Richtung Charlesburgh nehmen. An der Haltestelle Terminus Charlesburgh in die Linie 72 Richtung Loretteville umsteigen. Bis hierhin alles kein Problem … Dann an der Haltestelle Wendake aussteigen… die gibt es so aber leider gar nicht …In den Bussen werden auf einem Monitor immer die nächsten drei Haltestellen angezeigt, sowie zwischendurch die Dauer bis zu verschiedenen „wichtigen“ Haltepunkten. Aus den dort aufgeführten Informatione verdichtete sich bei mir das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Eher zufällig habe ich auf Grund von Orts- und Anzeigeschildern realisiert, dass ich mich bereits in Wendake befinden, eine Rückfrage bei der Busfahrerin, hat meine Annahme bestätigt. Also raus aus dem Bus.

Nach der Dame von der Touristeninformation hätte ich jetzt erwartet, dass es direkt in Sichtweite zur Busstation einen Informationsstand oder entsprechende Hinweisschilder gibt, die einen zu besagtem Indianerdorf lotsen. Weit und breit keine Schilder … bin ich vielleicht doch ein oder zwei Stationen zu früh ausgestiegen? Naja, ich kann ja mal in die Richtung laufen in die der Bus entschwunden ist, vielleicht ergibt sich ja was … zu meinem Glück lagen die nächsten Bushalte-Stops, darunter auch die Endhaltestelle nicht soweit auseinander. Da die Busfahrerin einen „Wartehalt“ an der Endhaltestelle hatte, war der Bus sogar noch da als ich dort ankam. Die Dame hat sich offenbar Sorgen um mich gemacht, jedenfalls sprach sie mich an und erklärte mir, dass ich in die falsche Richtung unterwegs sei, in der anderen Richtung sei das Dorf viel schöner. Auf meine Frage nach dem Huronendorf hat sich mich gleich in Ihren Bus gepackt, ist die zwei Stationen (planmäßig) zurückgefahren und hat mir geraten in einem Lokal nachzufragen. Klang als wäre ich jetzt auf dem richtigen Weg. In dem Lokal gab es dann allerdings eine eher vage Richtungsangabe und den Verweis auf ein Hotel, aber gut: ich bin da, ich habe Zeit, es ist schönster Sonnenschein … also laufen wir mal in die angegebene Richtung und schauen, ob wir was finden.

Aus den halbgaren Richtungsangaben des Kellners, einigen nicht wirklich eindeutigen Schildern und einem intuitiven Bauchgefühl heraus, habe ich dann tatsächlich das Hotel mit angeschlossenem „First Nation Museum“ gefunden. Aber immer noch kein Indianerdorf in Sicht, also wieder nachfragen. Ja, hier haben wir das Museum und ein Langhaus, das Huronendorf ist noch ein Stück weiter … sind sie mit dem Auto da? Zu Fuß … ja das sind so 20 Minuten …(Heft mit einer Karte wird gezückt, der Weg mit Textmarker eingezeichnet) … so sie gehen hier entlang und folgen einfach immer den Bärentatzen auf der Straße

Ah ja … und tatsächlich es finden sich besagte „Fußspuren“ auf dem Asphalt. Nun gut 20 Minuten lässt sich machen, zumal es absolut keine Erhebungen gibt …alles schön flach hier. Als netten Nebeneffekt bekomme ich auch noch einen Einblick in die Wohnverhältnisse in Wendake.

Als Wohngegend ganz nett, aber zum Spazieren gehen doch eher langweilig, besonders wenn die Sonne anfängt heiß vom Himmel zu brennen. Daher scheine ich wohl auch für die Einheimischen einen eher ungewöhnlichen Anblick abgegeben zu haben, die wenigen Anwohner, die sich haben blicken lassen (die Gegend wirkte teilweise gespenstisch leer) haben etwas irritiert hinter mir her geblickt und eine Autofahrerin hat sogar gestoppt und mich gefragt, wo ich hin wollte … Rückblickend betrachtet war meine Antwort wohl etwas verwirrend „Ich folge den Bärentatzen auf der Straße“ wirkt wahrscheinlich nicht besonders „gesund im Kopf“ … war wohl doch ein bißchen zu heiß. Bei einer brauchenbaren Antwort hätte die Dame mich wahrscheinlich sogar mitgenommen. Klassischer Fall von dumm gelaufen. Die Strecke fing an sich zu ziehen und dann wechselte das Bild auch noch von Wohngegend zu so einer Art Industriegebiet (?)

Konnte ich hier wirklich richtig sein? Aber da waren immer noch die Bärentatzen vor mir auf dem Weg. Und die Straßennamen passten zu dem markierten Weg auf der Karte … also weiter.

Und dann … habe ich tatsächlich das Dorf gefunden… 🙂

Mittlerweile war es kurz vor 12:00 Uhr, durch den Spaziergang in der prallen Sonne war ich doch etwas in Mitleidenschaft gezogen und ausgesprochen durstig, so dass ich gar nicht traurig war, dass die nächste Führung erst um 13:00 Uhr stattfindet. Ich habe mich erstmal ins Restaurant gesetzt und eine „Diet Coke“ [Coca Cola zero gibt es in Kanada wohl nur im Supermarkt] getrunken. Während ich so da saß und mir den Betrieb anschaute, kam ich zu dem Schluß, dass ich wohl keine Schausteller-Einlagen zu sehen bekäme. Aus der Werbebroschüre (die mit dem Lageplan, der mich hergeführt hatte) konnte ich entnehmen, dass dieses umfassende Programm wohl nur Gäste des besagten Hotels bei entsprechender Buchung eines Komplettpaketes inkl. Übernachtung angeboten wird. Macht nichts, dann eben eine eher informationsorientierte Führung, finde ich auch ok. Da ich um 13:00 Uhr die einzige Besucherin war, die eine englisch sprachige Führung gebucht hatte, bekam ich meinen persönlichen Guide Brian zur Seite, der mich durch das Dorf führte und alles erklärt hat.

Begonnen haben wir bei dem Langhaus (siehe Titelbild). Diese Behausung ist für Huronen typisch. Das Langhaus wird von mehreren Familien bewohnt und wenn es Familienzuwachs gibt, wird das Haus einfach verlängert, wodurch die Häuser eben manchmal sehr lang wurden.

Links und rechts des Eingangs sind die Schlafkojen, pro Familie eine Koje, in der alle zusammen schlafen, unten drunter wird das Brennholz gelagert, oben drüber die persönliche Habe. Da es am Anfang und am Ende des Hauses etwas kühler ist, gibt es dort Stauraum für die Lebensmittel.

Einerseits bin ich froh, dass wir heute nicht so leben, anderseits hat mich die enorme Strukturiertheit und Zweckmäßigkeit,die ja schon von Altersher so praktiziert wurde, sehr beeindruckt.

Ich denke die ganze Führung hier nach zu karten, wäre wohl langweilig. Vieles ist einem aus unterschiedlichen Zusammenhängen (Filme, Dokumentationen, historischen Romanen, etc.) ja auch irgendwie bekannt.

Deshalb werde ich hier nur noch auf zwei weitere Ausstellungsstücke eingehen.

Zum einen wurden in einer Vitrine die Handelswaren gezeigt, mit denen die verschiedenen Indianerstämme Handel getrieben haben. Ich war doch recht verblüfft, als ich darunter ein Strickmütze entdeckte.  In meiner bisherigen Denke waren Indianer immer verbunden mit Leder- und Pelzherstellung und -verarbeitung, Perlenstickereien und Webarbeiten. Ich habe einfach nie darüber nachgedacht, ob Indianer wohl stricken bzw. schon immer gestrickt haben. Auf meine Nachfrage hin, hat Brian mir bestätigt, dass der Stamm der Naskapis tatsächlich gestrickt hat und die Strickerzeugnisse bei den Huronen eine begehrte Handelsware waren.

Das zweite Ausstellungsstück, dass mich sehr fasziniert hat nennt sich „Inukshuit“

Hierbei handelt es sich um ein aus Steinen errichtetes Gebilde, dass der Gestalt eines Menschen ähnelt. Diese wurden einerseits bei der Karibu-Jagd eingesetzt, um die Karibus zu verwirren und zusätzlich in die enge zu treiben, zum anderen dienten sie aber auch als Wegweiser und Notfall-Reserve. Wenn man sich verirrt hatte und einen Inukshuit gefunden hat, so konnte man an dem etwas längern Arm erkennen in welcher Richtung die nächst gelegene Siedlung liegt. Wenn zusätzlich Knochen am Inukshuit platziert sind, ist das ein Hinweis, dafür, das unter den Steinen Fleich gelagert ist, der in Not geratene kann sich dort also mit Vorräten versorgen und ist der Rettung nah.

Insgesamt hat die Führung ca. ein halbe Stunde gedauert. Die Erklärungen waren knapp und gut. Ich habe anschließend nochmal auf eigene Faust eine Runde gedreht um die entsprechenden Fotos zu machen. Einzig im Haus des Medizinmannes durften keine Bilder gemacht werden.

Schließlich habe ich mich auf den Rückweg zur Bushaltestelle gemacht. Es war immer noch strahlender Sonnenschein und kein Wölkchen am Himmel. Allerdings hat ein ziemlich kräftiger Wind geweht. Dieser war im Prinzip recht willkommen, da er etwas Abkühlung brachte, allerdings führte er auch feinen Sand mit, so dass ich später feststellen musste, dass meine Haut mit feinem Sand bestäubt war und ein unbedachtes Reiben mit den Händen unangenehme Konsequenzen nach sich zieht … ich hatte plötzlich Sand in den Augen … obwohl ich befürchtete, dass der Wind der Vorbote zu dem angekündigten Unwetter war, habe ich noch schnell einen Abstecher zu den Stromschnellen des nahe gelegenen Flusses gemacht.

Auf dem Rückweg gab es dann keine besonderen Ereignisse mehr.

Bleibt noch festzuhalten, dass wir mittlerweile 23:00 Uhr haben und es immer noch nicht regnet oder gar gewittert. Das gibt mir Hoffnung für morgen. Denn es sind wieder Regen und Gewitter angekündigt.

 

 

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