11.06.2017

Nachdem ich die letzten Tage auf Grund schlechten Wetters wenig unternommen habe, konnte ich heute morgen zu einem neuen Abenteuer aufbrechen. Um von Banff nach Vancouver zu gelangen, habe ich eine zweitägige Fahrt mit dem Rocky Mountaineer gebucht. Der Rocky Mountaineer ist ein recht exklusiver Zug, der einzige Personenzug, der auf den Gleisen in den Rockies unterwegs ist. Ansonsten verkehren hier nur Frachtzüge. Zu der Fahrt gehört auch eine Übernachtung in einem Hotel in Kamloops. Heute morgen um 6:30 Uhr habe ich mich also in ein Taxi geworfen und zur Railway Station in Banff fahren lassen.

Der Bahnhof war zu dieser frühen Stunde offenbar den Rocky Mountaineers vorbehalten. Eine junge Frau spielt klassische Stücke auf der Geigen, es gab kostenfrei Kaffee und Tee und die Reisenden wurden freundlich und unaufgeregt sehr ausführlich über die Reiseetappen informiert.

Das Gepäck wurde gesondert eingecheckt und per Auto nach Kamloops transportiert, damit es bei unserem Eintreffen schon auf den Hotelzimmer bereit steht. Alles wurde sehr stillvoll zelebriert. So durfte einer der Reisenden mit Schaffnerhut ausgestattet die altertümliche Dampfpfeife betätigen, mit der die Öffnung der Bahnsteigtüren verkündet wird. Selbstverständlich war es ein regelrechter Hype den Zug bei der Einfahrt zu photografieren oder zu filmen.

Jeder Wagon war mit einem pompösen Einstieg inklusive rotem Teppich, Treppchen und Fahnen ausgestattet. Wir wurden von unserer persönlichen Wagoncrew bestehend aus 3 Personen begrüßt. Das hier ist eine ganz andere Art von Zugfahrt:

Große Panoramafenster bieten einen hervorragenden Blick auf die wundervolle Landschaft, die vorbeizieht. Man hat ordentlich Beinfreiheit … da der Platz neben mir frei blieb, hatte ich zusätzlichen Platz … und man bekommt Getränke und Essen am Platz serviert. Zusätzlich erhält man Informationen von der Wagoncrew über die Strecke: Wo etwas Interessantes zu sehen ist, kleine Geschichten zu der Gegend … Oder warum es gerade eine Verzögerung gibt. Das nenne ich mal eine ausgesprochen angenehme Art des Reisens.

So früh am morgen waren die Rocky Mountains noch wolkenverhangen. Zu Beginn der Fahrt habe ich noch eifrig versucht all die tollen Eindrücke einzufangen. Jeder der schon mal versucht hat aus einem fahrenden Zug Photos zu schießen, weiß wie schwierig dies sein kann: Bäume, Strommasten und Büsche, die dicht am Zug stehen und „plötzlich ins Bild springen“, spiegelnde Scheiben, Tunnel oder Schallschutzwände, die die Sicht versperren oder man ist schlicht und einfach schon vorbei, bevor man den Auslöser drücken konnte. Während ich dazu übergangen bin, mehr zu gucken und nur noch hin und wieder ein Photo zu schießen, haben zwei mitreisende ältere Herren ihre Kamera beinah auf „Dauerfeuer“ gestellt. Nahezu die ganze Fahrt über waren die beiden auf den Beinen, sind von links nach rechts gesprungen, habe teilweise Serienbilder geschossen und sich geärgert, wenn sie auf der einen Seite was verpasst haben, weil sie gerade auf der anderen Seite etwas photografiert haben.

Später hatten wir dann strahlenden Sonnenschein. Auch die Landschaft war sehr abwechslungsreich: natürlich die Berge, dann aber auch Täler, Schluchten, Wasserfälle und Seen. Die Strecke führte durch besondere „Spiralttunnel“ und durch den längsten Tunnel des Landes.

Obwohl ich es eigentlich nicht so mag, wenn mich ein „Reiseleiter“ vollquatscht, haben James und Adriane (Wagoncrew von Wagon CB03) das richtige Maß gefunden und die Informationen in launigen Beiträgen verpackt, so dass ich mich wohl gefühlt habe.

Eine Besonderheit dieser Bahnstrecke besteht darin, dass sie nur eingleisig ausgebaut ist. In regelmäßigen Abständen gibt es „Ausweichgleise“ auf denen ein Zug wartet bis der andere  passiert hat. In den letzten Jahren wird dies jedoch zunehmend zur logistischen Herausforderung, denn die Frachtzüge werden immer länger und sind teilweise so lang, dass diese „Ausweichsgleise“ für sie nicht ausreichen. Da unser Personenzug im Vergleich dazu ein „Baby-Zug“ ist, mussten wir fast immer ausweichen und warten bis die ellenlangen Frachtzüge an uns vorbeigerauscht sind. Ich habe bei einem der Frachtzüge versucht die Anzahl der Wagons zu zählen, bei 71 bin ich abgelenkt worden, so dass ich nicht weiter gezählt habe, aber es kamen noch weitere Wagons, Ich schätze, dass müssen über 100 Wagons gewesen sein. Das hätte ich mir vorher nicht vorstellen können.

Schließlich haben wir um 19:30 Uhr endlich Kamloops erreicht, da wir zwischendurch auch noch über die Zeitgrenze gefahren sind, war es sogar eigentlich schon 20:30 Uhr.

Obwohl wir quasi die ganze Fahrt durch mit Leckereien verköstigt wurden, sind doch tatsächlich ein ganze Reihe von Mitreisenden, dann noch ins Restaurant gegangen und haben noch mal was gegessen.

Frühstück (kleines Croissant mit Butter, Obstsalat und Joghurt mit Müsli), Snack (Nussmischung), 3 Gänge Lunch (Salat mit kleinem Brötchen, Schweinebraten mit Gemüse und Risotto und ein kleines Stück New Yorker Käsekuchen), noch ein Snack (nochmal Nussmischung) und noch ein Snack (Cracker mit Käse und Trockenfrüchten) … also ich war puppsatt, stattdessen habe ich ein kleinen Abendspaziergang gemacht.

Die Speisen wurden alle stilecht auf Porzellan und mit richtigem Besteck serviert. Selbstverständlich konnte man auch Wein, Bier oder auch Wodka, Whiskey oder Rum bekommen. Hierbei wurde dann aber aus pragmatischen Gründe immer die gleiche Glasform gewählt. Da ich kein Bier trinke, kann ich keine Aussage dazu treffen, wie sich die Form des Glases auf den Biergenuss ausgewirkt hat, der Sauvignon Blanc hat jedenfalls auch „ohne Stil“ geschmeckt.

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Comments

  1. Aha! Also ein stielloser stilvoller Genuss in einem stylischen Ambiente. Die vollkommene Mutation zum „Luxusweibchen“!

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